"Ich wollte nur ohne Angst leben"

Doreen Ssemwogerere aus Uganda am 20.04.2016 in Rosenheim.
Foto: epd-bild/Lukas Barth
Doreen Ssemwogerere ist lesbisch und deshalb aus Uganda nach Deutschland geflohen.
"Ich wollte nur ohne Angst leben"
In vielen Ländern werden Homosexuelle verfolgt. Deutschland bietet diesen Menschen im Prinzip Asyl. Aber die Hürden sind hoch. Das hat auch Doreen Ssemwogerere aus Uganda erfahren.

Das schönste Erlebnis hat ihr Deutschland schon beschert: Der Christopher Street Day. "Wow, was für eine Erfahrung!", sagt Doreen Ssemwogerere und schwelgt in der Erinnerung an die Lesben- und Schwulenparade im Juli 2015. "Ich habe niemals auch nur davon geträumt, Teil von so etwas zu sein." Der Weg bis dahin war für die 28-Jährige unendlich steinig. Und er ist noch nicht zu Ende.

Doreen Ssemwogerere ist lesbisch. Homosexualität ist in Uganda verboten - so wie in 75 Ländern der Welt. Viele Lesben, Schwule und Transsexuelle fliehen deshalb nach Europa, um Diskriminierung, Verfolgung, Gefängnis oder im Extremfall einer Ermordung oder der Todesstrafe zu entgehen.

Vergewaltigt vom Onkel

"Homosexualität kann je nach Herkunftsland ein Asylgrund in Deutschland sein", sagt die Mannheimer Anwältin Kirsten Striegler. Aber es ist schwierig, tatsächlich Asyl zu erhalten. Auch, weil sich viele Flüchtlinge schwertun, bereits im ersten Kontakt mit den Behörden über ihren Fluchtgrund und ihre Erfahrungen zu sprechen. "Wenn sie ihre Homosexualität aber nicht sofort vortragen, wird ihnen nicht mehr geglaubt", weiß Striegler, die mehrere homosexuelle Asylsuchende vertritt. Viele Flüchtlinge haben den Staat als Gefahr erlebt, sie müssen erst Vertrauen fassen.

Diana Horn von der Lesbenberatungsstelle LeTRa in München, die derzeit 17 lesbische Flüchtlinge betreut, betont: "Diese Verfahren setzen voraus, dass die Geflohenen schlüssig und chronologisch ihre Erlebnisse erzählen können." Die Frauen seien jedoch durch ihre Verfolgungsgeschichte schwer traumatisiert, da sei dies kaum möglich. "Und wie bitte will man beweisen, dass man lesbisch ist?"

Doreen Ssemwogerere weiß es, seit sie 15 ist, wie sie erzählt. Seitdem habe sie immer wieder fliehen müssen: Vor ihrem Onkel, der ihr das Lesbischsein durch Vergewaltigungen austreiben wollte, vor dem Bruder ihrer Freundin, der sie krankenhausreif schlug. Als eine Freundin mit anderen Schwulen und Lesben in einer Zeitung geoutet wurde, fiel eine wütende Meute über sie her.

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In vollständiger Verzweiflung habe sie einen letzten Ausweg gesucht: Sie ging zur Polizei. "Der Polizist sagte mir, ich hätte Glück, dass ich bei ihm gelandet sei, jeder andere hätte mich festgenommen, schickte mich weg und sagte, ich solle bloß nie wiederkommen." So habe sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen als die Flucht. "Ich wollte nicht fort aus Uganda, dort war alles, was ich kannte." Aber sie habe keine Kraft mehr gehabt, um so weiterzuleben.

Doch obwohl Doreen Ssemwogerere in München ihren Fluchtgrund genannt und ihre Erfahrungen geschildert hat, wurde ihr Asylantrag abgelehnt. Begründung: "Staatliche Stellen tolerieren keine Übergriffe nicht-staatlicher Akteure gegen Homosexuelle."

Neela Ghoshal von Human Rights Watch ist empört: "Auf die Polizei können Homo- und Transsexuelle in Uganda in keiner Weise zählen", sagt die Expertin in Nairobi. "Im Gegenteil, es kommt immer wieder vor, dass Schwule, Lesben und Transgender festgenommen werden." Sie würden manchmal Monate im Gefängnis festgehalten, um dann ohne Anklage freigelassen zu werden. Es gebe auch immer wieder gewalttätige Übergriffe staatlicher Sicherheitskräfte. Uganda gilt als eines der homophobsten Länder der Welt.

Jacob Dawalibi hatte mehr Glück: Er ist als Bürgerkriegsflüchtling anerkannt - aber nicht wegen seiner Homosexualität. Der 19-jährige Syrer kam mit seinem Freund Samir Albardan (Namen geändert) im November aus Damaskus nach Deutschland. 

Auch wenn Jacob Dawalibis Homosexualität während des Asylverfahrens keine Rolle spielte, die Flucht bestimmte sie doch. "Ich hatte die ganze Zeit Angst." Der 25-jährige Samir erzählt, sie hätten zwar niemandem gesagt, dass sie ein Paar sind. "Aber weil wir immer zusammen waren, vermuteten es die anderen Flüchtlinge." Sie seien beleidigt und angegriffen worden.

Auch in Deutschland gingen die Probleme weiter. "Sobald die anderen Flüchtlinge in den Unterkünften rausgefunden haben, dass wir ein Paar sind, wurden wir beschimpft, sogar auf der Toilette", schildert Samir. Schließlich nahm sie eine Helferin bei sich zu Hause auf, weil sie nicht länger in der Massenunterkunft bleiben konnten.

Spießrutenlauf Erstaufnahmeeinrichtung

"Für die Flüchtlinge sind die Erstaufnahmeeinrichtungen wie ein Spießrutenlauf", sagt Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin. "Sie sind Diskriminierung, Anfeindungen oder Gewalt ausgesetzt, oder sie müssen befürchten, geoutet zu werden." Allein von August bis Dezember habe die Schwulenberatung in der Hauptstadt 95 Gewaltvorfälle gegen homosexuelle Flüchtlinge erfasst, die meisten geschahen in der Unterkunft. Deshalb haben Aktivisten in einigen Städten wie Berlin, Dresden und Nürnberg Unterkünfte ausschließlich für homosexuelle Flüchtlinge gegründet.

Samir und Jacob haben mittlerweile eine eigene Wohnung in Mainz. "Ich wollte nur ohne Angst leben, sein, wer ich bin", sagt Jacob Dawalibi.  Aber er befürchte immer noch, seine Familie könne erfahren, dass er schwul ist. Deshalb meiden sie den Kontakt zu anderen Syrern.

Nicht nur die Unterkünfte, auch die Übersetzer in den Verfahren sind häufig ein Problem. "Manche Dolmetscher erzählen es unter Landsleuten herum, wenn sich ein Asylsuchender geoutet hat", sagt Anna Koddenbrock vom Zentrum "Rat & Tat" in Bremen. Anwältin Striegler musste bereits einen Wechsel erwirken, weil ihr Mandant vom Dolmetscher respektlos behandelt wurde. Auch von Mangel an Wissen und Sensibilität bei deutschen Behördenmitarbeitern berichten Helfer und Flüchtlinge immer wieder.

Doreen Ssemwogerere hofft, dass sie doch noch in Deutschland bleiben kann, ihre Anwältin hat gegen die Ablehnung des Asylgesuchs geklagt. "Ich kann nicht einmal darüber nachdenken, zurück zu müssen." Es sei sehr hart - vor allem die Ungewissheit. "Aber ich lebe von Tag zu Tag".